Dramatische Veränderung des Anlegerverhaltens
10.08.10, 12:37, By: Walter Feil
Der Beitrag „Immer öfter mit dem Schwarm“ in der FTD (Financial Times Deutschland) vom 6.8.2010 drückt aus, was wir schon seit Monaten selbst feststellen: Es wird zunehmend schwieriger, einzelne Märkte zu identifizieren, deren Wertentwicklung nicht dem allgemeinen Trend entspricht.
Gemäß FTD sind die Gründe hierfür:
- Alle Märkte werden von gesamtwirtschaftlichen Risiken überlagert. Die Einschätzung der Entwicklung einzelner Branchen hängt zumindest kurzfristig mehr von der Gesamteinschätzung der Konjunktur als von der besonderen Entwicklung der speziellen Branche ab.
- Die Verbreitung der Indexfonds drängt die Einzelbetrachtung von Aktien immer mehr in den Hintergrund. Wenn (Dach-) Fondsmanager und Einzelanleger über einen ETF den ganzen Index handeln, werden alle Indexmitglieder gleichermaßen gekauft oder verkauft. Es gibt kurzfristig keine Unterscheidung mehr zwischen gut und schlecht geführten Firmen innerhalb des Index.
Wir ergänzen den Bericht der FTD gemäß unserer eigenen Einschätzung: Die neuen, extrem schnellen Handels-Systeme öffnen immer mehr Türen für die schnelle, kreditfinanzierte Spekulation. Dies verändert die Zusammensetzung der Investorengruppen. Echte Langfrist-Investoren gemäß der Denkweise eines André Kostolany oder Warren Buffet, also Leute, die „in Firmen investieren“, werden weniger, hektische Kurzfrist-Spekulanten mit schnellen, meist hoch finanzierten Aktivitäten (Hedgefonds, Eigenhandel von Banken, CFD-Trader, …) nehmen zu.
Diese Entwicklung ist nicht umkehrbar. Die Bedeutung der Einzel-Analyse eines Unternehmens und eines bestimmten Marktes wird weiter abnehmen, und die liquiditätsgetriebenen Wertschwankungen ganzer Märkte sowie die Korrelation auch völlig unterschiedlicher Teilmärkte zueinander werden weiter zunehmen. Wir haben die Zusammensetzung der Anlagestrategien schon seit Januar 2009 systematisch auf diese Entwicklung eingestellt und hierfür – dargestellt am Beispiel der Vorgaben für die Anlagestrategie III – folgende Leitlinien festgelegt:
- 60 bis 70 Prozent des Vermögens wird gemäß der mittel- und langfristigen Einschätzung der jeweiligen Branche, des jeweiligen Landes oder der jeweiligen Region investiert. Dies sind die „strategischen“ Investments, mit denen wir unter Inkaufnahme von zwischenzeitlichen Wertschwankungen eine über dem Marktdurchschnitt liegende Langfrist-Entwicklung anstreben.
- 30 bis 40 Prozent des Vermögens wird gemäß der kurzfristigen Einschätzung der Marktentwicklung eingesetzt. Dies sind die „taktischen“ Investments, mit denen wir die hektischen Bewegungen des Gesamtmarktes, die sich auch auf die Entwicklung der strategischen Investments auswirken, abfedern oder sogar zu einem zusätzlichen Gewinn (wie dies seit 1.1.2009 14 mal mit einem DAX-ETF gelungen ist (PDF-Datei, 100 KB) nutzen können. Diese taktischen Positionen wirken in unterschiedliche Richtungen:
- Bei Erwartung steigender Kurse: Die taktischen Positionen sind „long“. Das heißt: Sie führen zu einem zusätzlichen Wertzuwachs, wenn die Kurse steigen.
- Bei ungewisser Marktentwicklung: Die taktischen Positionen sind im wesentlichen „Liquidität“, also Bargeld, das sofort eingesetzt werden kann, sobald die weitere Entwicklung des Marktes wieder besser eingeschätzt werden kann.
- Bei Erwartung fallender Kurse: Die taktischen Positionen sind „short“. Das heißt: Sie führen zu einem Wertzuwachs, wenn die Kurse fallen. Damit gleichen wir innerhalb der Gesamtstrategie einen Teil der „Kurzfristigen Wertschwankung nach unten“ aus, die im Bereich der langfristigen strategischen Positionen zu erwarten ist.
- Bei Erwartung massiv und / oder langfristig fallender Kurse werden zusätzlich die strategischen Langfrist-Investitionen abgebaut. Dies kann im Zusammenspiel mit taktischen Short-Positionen dazu führen, dass auch in einem tendenziell fallenden Markt ein Wertzuwachs entsteht.
Die Zusammensetzung aller drei Anlagestrategien wird jede Woche im Rahmen einer allseits vorbereiteten Konferenz durch den achtköpfigen Anlageausschuss geprüft und bei Bedarf geändert. Die Wertentwicklung jeder einzelnen Position wird jeden Börsentag im Rahmen der täglichen Prüfung durch den CIO (Chief-Investment-Officer) kontrolliert. Taktische Positionen unterliegen zusätzlich der laufenden Beobachtung während der gesamten täglichen Handelszeit der jeweiligen Börse, was bei Tages-Schwankungen von über 2 Prozent in Einzelfällen schon dazu geführt hat, für die jeweilige Position Tagesgewinne von bis zu 2 Prozent mit sehr zeitnahen Entscheidungen sicherzustellen.


