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Turbulenzen an den Kapitalmärkten – Bericht von der CEO-Konferenz in den USA

16.09.08, 22:47, By: Walter Feil
Seit Wochenbeginn scheinen die Kapitalmärkte aus den Fugen geraten zu sein. Die amerikanische Investmentbank Lehmann Brothers hat sich unter den Gläubigerschutz gemäß „Chapter 11“ begeben, Meryll Lynch (ebenfalls eine Investmentbank) flüchtete unter das Dach der Bank of America und der weltgrößte Versicherer AIG mußte die FED um einen Nothilfekredit bitten.

Weltweit sind Anleger über diese Entwicklung beunruhigt und befürchten einen weiteren Wertrückgang ihrer Investments. Computergesteuerte Stop-Loss-Programme überschütten den Markt mit einer Flut von Verkaufsorders, und zahlreiche Hedgefonds, deren Geschäftsjahr am 30.09. endet, müssen vorher noch Positionen glattstellen und verkaufen Papiere „um jeden Preis“, was zu einem weiteren Überhang von Verkaufsaufträgen führt.

Unsere Gespräche mit Fondsmanagern führen fast regelmäßig zum gleichen Ergebnis: Die derzeitigen Bewertungen haben mit „inneren Wert“ der Unternehmen nicht mehr viel zu tun. Zahlreiche Positionen wurden in den letzten Tagen zu Kursen gehandelt, die deutlich unter dem reinen Buchwert der Vermögenswerte der betroffenen Unternehmen liegen. KGVs (Kurs-Gewinn-Verhältnis) der Aktien steht derzeit häufig zwischen 5 und 10, was in der historischen Betrachtung außergewöhnlich günstige Dumping-Preise bedeutet.

Die Anlagegruppe I („schwankungsarm“) ist von diesen Entwicklungen überhaupt nicht betroffen und hat vom 1.9. bis 16.9. um weitere 0,24 % zugelegt. Damit liegt diese Anlagegruppe weiterhin auf der Ziellinie von etwa 0,5 % Wertzuwachs monatlich, was für einen halben Monat 0,25 % bedeuten würde.

Die Anlagegruppen II und III sind sehr wohl von den Turbulenzen an den Aktienmärkten betroffen, und Sie könnten sich fragen, ob Sie Ihr Investment hier verringern sollten. Lesen Sie hierzu den Bericht von Peter Dreide, der selbst Fondsmanager ist und uns heute seinen Bericht über die „Morgan Stanley Industrial CEO Unplugged Konferenz“ in Dana Point USA übermittelte. Die Konferenz wird seit mehreren Jahren jeweils im September abgehalten und gibt immer einen wichtigen Einblick in die Perspektiven der US- und globalen Wirtschaftsentwicklung.  Unternehmen wie United Technology oder General Electric, die ihre Geschäfte in nahezu jedem Winkel dieser Erde betreiben, haben via ihrer eigenen Auftragsbücher einen sehr guten Einblick in die (globale) wirtschaftliche Situation. Die CEOs (= Vorstandsvorsitzenden) der Unternehmen stehen den Analysten und Fondsmanagern ohne Präsentationstechnik in einem sehr intimen Rahmen Rede und Antwort. Diese Firmenlenker verfolgen auch kein Eigeninteresse mit ihren Aussagen zur Marktlage, sondern schildern „im Kollegenkreis“ unter anderen Firmenlenkern ihre Feststellungen und Einschätzungen.

Hier der volle Wortlaut des Berichtes: (Hervorhebungen durch uns)

Morgan Stanley Industrial CEO unplugged Konferenz / USA

Die große Frage vor der Reise in die USA zur CEO Industrial Konferenz war: Wo geht die Konjunkturrichtung hin? Rutschen wir in eine Rezession in den USA oder sogar auf globaler Ebene oder ist eine Erholung in Sicht? Wie wirkt sich die Finanzkrise auf die Wirtschaft aus und wie könnte es weiter gehen im US-Hausmarkt? Was macht die Widererstarkung des Dollars, der innerhalb von wenigen Wochen von 1.60 auf 1.39 stieg? Was machen die Rohstoffpreise und insbesondere Öl? Was wird die FED machen? Wie sieht es mit den Unternehmensgewinnen, EBIT-Margen und Bilanzen aus?

Noch nie war der Fragenkatalog so lang und umfassend in alle Richtungen der Finanzwelt; von Rohstoffen über Unternehmensgewinne hin zu Währungsbewegungen und globaler Wirtschaft. Die Märkte sind verunsichert und von Tag zu Tag verdichtet sich dieser Nebel um die Richtung von Konjunktur und Aktienmärkte. Umso wichtiger war es, direkt mit den größten Industriemanagern der USA zu sprechen, um Einsicht zu bekommen, wo wir wirklich stehen und in einem Jahr stehen könnten.

In den letzten 3 Jahren brachte diese Konferenz gute Eindrücke. George David von United Technologies brachte es gut auf den Punkt. „Letztes Jahr kamen wir zu der Ansicht, dass die Weltkonjunktur stark sei, nur die USA anfängt, Schwäche zu zeigen im Heimatmarkt. Es kam im Prinzip so über die letzten 12 Monate, nur dass die Finanzkrise Ausmaße annahm, die so nicht vorhersehbar waren. Es kam also ein wenig schlechter als erwartet. Aber die Konjunktur ist nicht so schlecht, wie uns die Medien glaubhaft machen möchten.“ Eine klare Aussage von jemandem, der vor über 30 Jahren das Ruder bei United Technologies übernahm und diese Firma zu der erfolgreichsten im Dow Jones Index überhaupt in den letzten 20 Jahren machte und im Aufsichtsrat von Citigroup sitzt.

Mit der nächsten Aussage stand er nicht allein: Wir sind nahe dem Boden in der konjunkturellen Abkühlung. Es wird keinen schnellen „Pull-back“, also Erholung, geben, sondern für die nächsten zwei Jahre auf diesem Niveau verharren. Die Geschäftstätigkeit bleibt mehr oder weniger auf dem hohen Niveau, bevor es um 2010 wieder anziehen sollte. Genauer brachte es der CEO von Cooper Industries auf den Punkt. „Wir werden den Tiefstpunkt im US-Hausmarkt im 4. Quartal 2008 erreichen, also recht bald, und uns in 2009 auf diesem Niveau einpendeln, bevor es dann (ab 2010) besser wird. Die Lagerbestände in Gütern und Produkten wurden weltweit im 2. Quartal und Anfang drittes Quartal deutlich abgebaut; Lagerbestandsüberhang ist aktuell nicht mehr vorhanden.“

Somit kann von einer Stabilisierung der US-Wirtschaft und des Hausmarktes in den nächsten Wochen ausgegangen werden. Was jedoch auch klar wird ist, dass von einer V-artigen, also einer „Abschwung-Boden-erneuter-Aufschwung“-Konjunkturentwicklung weniger ausgegangen werden kann. Vielmehr sollte sich ein Boden recht bald abzeichnen, der aber dann in eine ausgeprägte Bodenbildung übergeht. Das könnte einigen an den Finanzmärkten nicht gefallen. Ein Tiefstpunkt im Markt, eigentlich sehr zeitnah, was positiv zu werten ist, aber gefolgt von einer zeitlich ausgeprägten Bodenbildung im Seitwärtstrend.

Gerade die zeitlich ausgedehnte Komponente könnte vielen Marktteilnehmern nicht schmecken, sind sie doch in den letzten 14 Jahren nicht mit solch einem Marktumfeld konfrontiert worden. Ich habe die jungen Gesichter im Konferenzraum gesehen. Viele Fondsmanager waren vor 14 Jahren irgendwo auf der Schule, aber nicht am Aktienmarkt. Ich kann mich sehr wohl noch an die Zeit um 1991 erinnern, als ich nach Toronto an die Börse kam. Alles war „on Sale“, Bürogebäude standen leer, den Banken ging es grausam. Aber auch diese Zeit ging vorbei und der Markt fing an, aus der Seitwärtsbewegung nach oben zu drehen. Wir fielen von 3.000 Punkten im Dow Jones auf 2.360 Punkte, also um 21 Prozent (aktuell sind wir bei 1.200 Punkten vorbörslich und somit 23 Prozent vom Hoch entfernt), um dann rasant diesen Rückgang wieder aufzuholen nur Monate später. Wir feierten den Bruch der 4.000-er Marke im Handelsraum von BZW (ich war mittlerweile nach London gewechselt zu Barlays de Zoete Wedd, dem damals größten englischen Broker) um ein paar Jahre später in Nordamerika den Bruch der 10.000-er Marke zu zelebrieren. Manchmal bedarf es eben solchen ausgeprägten Bodenbildungen um danach wieder Kraft für starke Aufwärtsbewegungen zu haben. Es deutet durchaus einiges darauf hin, dass wir in ein einer solchen Situation sind.

Nun, kommen wir wieder zu den Aussagen der Industriemanager zurück. Die 20-stündige Reise am Montag hin und Freitag wieder 20 Stunden zurück soll sich für uns alle lohnen. Kommen wir zu Themen wie Rohstoffpreise und Währungen, US-Wahlen im Stichpunktverfahren:

Weltwirtschaft: Keine Rezession. Globales Wachstum unter Trend. Nach 4 bis 5 Prozent im Boom nun 1 bis 2 Prozent im Tief. Es ist ein Abschwung in einem wachsenden Markt.

Weltwirtschaft nach Regionen: USA seit 2 Quartalen schwächer, Ausblick: stabilisierend. GDP + 1 bis 2 Prozent in den nächsten 12 Monaten.

Europa: seit einem Quartal sehr schwach; Ausblick: weiter schwächer. GDP +1 Prozent.

Emerging Markets: weiter fest, aber auf niedrigerem Niveau. Gut: Brasilien / Schwach: Indien

Dollar: hat mit 1.60 überdreht nach oben und sollte sich den größten Teil der Zeit zwischen 1.40 und 1.50 für die nächsten 12 Monate bewegen.

Weltwirtschaftlicher Aufschwung: CEOs schwankten im Zeitraum zwischen 1, 1 ½ und 2 Jahren; also Sommer/Herbst 2009 bis 2010. Schnitt: Anfang 2010.

Lagerbestände: im 2. Quartal heruntergefahren und „sauber".

US-Wahlen: McCain hat deutlich aufgeholt und auf Augenhöhe.

US Verteidigung: „Russia woke up US government“. An dieser Konferenz nehmen auch Vertreter der US Armee teil. Nach eher verhaltener Einschätzung des Verteidigungsbudgets ab 2010 wird nach dem Vorfall in Georgien die politische Situation in Russland mit sehr hoher Besorgnis gesehen. Verteidigungshaushalt sollte so bleiben, egal wer Präsident wird.

Preisgestaltung: diszipliniertes Verhalten im Markt ohne Preiskämpfe.

Rohstoffe: „Past its peak“. Rohstoffpreis werden generell in einer Umkehrformation gesehen. Meinungen laufen zwischen „Range“, z.B. Öl zwischen $ 80 und 120 für die nächsten 12 Monate, bis zu weiteren Rückgängen vom derzeitigen Niveau.

Margen: pendeln sich hier aus. Schwer, Margen weiter auszubauen, andererseits Margenrückgang schwer vorstellbar, da Platz für Kostensenkungen vorhanden ist und fallende Rohstoffpreise sich positiv auf die Erzeugerpreise auswirken.

US-Hausmarkt: Boden im 4. Quartal 2008. Hypotheken auf 50 Prozent teilweise abgeschrieben. Nach Ausstehen der Finanzkrise Bedarf des „Heraufschreibens“ / Revaluation.

Kosten für Investitionen in China steigen und neue oder erhöhte Geschäftstätigkeit dort wird immer unattraktiver.

„Power of Technology“ löst Produktivitätssituation. Produktivität sollte durch den Einsatz von Technologie weiter steigen.

„World is not in a recession, more in a slower period of growth“ war der einhellige Tenor. George David sagte es noch deutlicher: “Back up the truck”, was soviel heißt wie „Kaufe was geht und lade die Aktieninvestments voll“. Wie der 60-jährige Chef von General Dynamics sagte: "… das ist ein ungewöhnlicher Markt, wie ich ihn noch nie erlebt habe."

Mit den besten Grüßen
Peter Dreide (Fondsmanager und Konferenzteilnehmer)
15. September 2008

Soweit der Bericht „direkt von der Quelle“ aus der Konferenz der Vorstandsvorsitzenden von Weltfirmen letzte Woche.

Eine rasche Stabilisierung der Aktienmärkte wünsche ich Ihnen und uns.

Aktuelles

Dramatische Veränderung des Anlegerverhaltens

[10.08.10]

Der Beitrag „Immer öfter mit dem Schwarm“ in der FTD (Financial Times Deutschland) vom 6.8.2010 drüc

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